Rojava „Wir werden die türkischen Truppen in den Sumpf ziehen“

Seit mehr als einem Jahr hält die Türkei den syrischen Kanton Afrin besetzt. Ein Großteil der kurdischen Bewohner ist geflüchtet. Doch den Traum von der Rückkehr geben sie nicht auf.

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OMAR HAJ KADOUR/ AFP

Brett McGurk muss kein Blatt mehr vor den Mund nehmen. Mehr als drei Jahre lang amtierte der Jurist und Diplomat als US-Sonderbeauftragter für den Kampf gegen die Terrororganisation „Islamischer Staat“ (IS). Zum Jahresende 2018 schmiss er den Job hin – aus Protest gegen den Beschluss von US-Präsident Donald Trump, die etwa 2000 in Syrien stationierten US-Soldaten abzuziehen.

Diese Entscheidung ist bis heute nicht umgesetzt worden – trotzdem kritisiert McGurk die Syrien-Politik der US-Regierung und ihrer Verbündeten in der Region. In einem Aufsatz im Fachblatt „Foreign Affairs“ erhebt er schwere Vorwürfe gegen den Nato-Partner Türkei. Bei der Offensive gegen den kurdischen Kanton Afrin in Nordsyrien Anfang 2018 habe das türkische Militär unter Präsident Recep Tayyip Erdogan gemeinsam mit islamistischen Verbündeten aus Syrien mehr als 150.000 Kurden vertrieben und anschließend Araber und Turkmenen aus anderen Teilen Syriens dort angesiedelt.

Erdogans Ziel ist die Islamisierung und Türkisierung von Afrin

„Diese Operation war keine Antwort auf eine wirkliche Gefahr, sondern ein Produkt von Erdogans Ambitionen, die Grenzen der Türkei zu verschieben, die seiner Ansicht nach 1923 im Vertrag von Lausanne unfair gezogen wurden“, schreibt McGurk.

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Damit bestätigt ein langjähriger hochrangiger US-Beamter, der Erdogan selbst mehrfach persönlich traf, was die Kurden und auch internationale Menschenrechtsgruppen seit Langem sagen:

• Der türkische Staatschef plant eine langfristige Besetzung Nordsyriens und eine Veränderung der Demografie des Grenzgebiets.

• Die Kurden sollen von der Grenze zur Türkei vertrieben und durch Araber und Turkmenen ersetzt werden, die Ankara gegenüber loyal sind.

Im August 2016 waren türkische Armeeeinheiten in der sogenannten Operation „Schutzschild Euphrat“ in das Gebiet zwischen den Städten Asas und Dscharabulus eingerückt. Damit schlug das Militär eine Bresche zwischen die beiden kurdischen Kantone Afrin und Kobane. Im Januar 2018 gab Erdogan dann den Befehl, Afrin zu erobern:

• Innerhalb von zwei Monaten eroberten das türkische Militär und verbündete syrische Milizen Afrin.

• Angesichts der militärischen Unterlegenheit entschieden sich die kurdische Selbstverwaltung und ihre YPG-Miliz im März 2018 zum kampflosen Abzug aus Afrin.

Seither verhindern die türkischen Besatzer eine unabhängige Berichterstattung aus dem Gebiet. Um an Informationen zu gelangen, sind Journalisten auf Berichte von Menschen vor Ort angewiesen, die bislang nicht geflüchtet sind und unter großer Gefahr ihre Eindrücke weitergeben.

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Anhand von Satellitenaufnahmen lässt sich zudem belegen, dass die Eroberer seither etliche Schreine von Alawiten und Jesiden zerstört und Friedhöfe geschändet haben. Mehrere historische Kultstätten sind inzwischen in Militärposten verwandelt worden. Die Vertreibung der religiösen Minderheiten und der Umgang mit ihrem kulturellen Erbe sind ein Indiz dafür, dass die Besatzer das Gebiet langfristig islamisieren wollen. Das zeigt sich auch im Alltag:

• Zu den neuen Herrschern gehören viele islamistische Milizen, die aus anderen Landesteilen, die inzwischen wieder vom Assad-Regime kontrolliert werden, nach Afrin gebracht wurden.

• Mindestens eine von ihnen, die „Brigade des Barmherzigen“, fungiert in Afrin inzwischen als eine Art Polizei.

• Sie ist bestrebt, ihre Auslegung der Scharia im öffentlichen Leben durchzusetzen – und verlangt, dass Frauen nur verschleiert und in Begleitung eines männlichen Angehörigen das Haus verlassen.

• Zwischenzeitlich hatten die Besatzer auch Plakate in der Stadt aufgehängt, die Frauen aufforderten, sich völlig zu verschleiern. Nach Protesten der Bewohner wurden die Poster wieder abgehängt.



Parallel dazu strebt Ankara die Türkisierung Afrins an:

• Die türkische Flagge gehört zum Straßenbild, an den meisten Schulen wird türkisch unterrichtet.

• Die kurdische Sprache und Identität der Region hingegen wird mehr und mehr getilgt.

• Orte verlieren ihren kurdischen Namen, kurdisch wird nicht länger unterrichtet.

• Im März verbot die von der Türkei eingesetzte Lokalverwaltung von Afrin auch die Feiern zum kurdischen Neujahrsfest Newroz.

Das alles dient nach Einschätzung der Kurden nur einem Zweck: Die letzten verbliebenen Kurden aus Afrin zu vertreiben.

Aisha Issa Hesso gehört zu jenen, die schon im März 2018 vor der türkischen Armee flüchteten. Als Co-Vorsitzende der PYD gilt sie in Ankara als Staatsfeindin. Die PYD ist die wichtigste politische Vertretung der Kurden in Syrien. Die Türkei betrachtet sie als Teil der kurdischen Terrororganisation PKK.

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Aisha Issa Hesso: „Je mehr wir angegriffen werden, umso erbitterter leisten wir Widerstand“

Zusammen mit ihren Mitstreitern versucht Hesso, den Widerstand gegen die Besatzung zu koordinieren. Dabei geht es zunächst einmal darum, die Reste der kurdischen Selbstverwaltung, die bis vor einem Jahr in Afrin existierten, in den Flüchtlingslagern irgendwie aufrechtzuerhalten. Der Großteil der Flüchtlinge aus Afrin lebt in Zelten oder einfachen Behausungen in Shehba, einem Gebiet unter kurdischer Kontrolle, das eingezwängt ist zwischen der türkischen Besatzungszone im Norden und dem syrischen Regime im Süden.

Erinnerung an das Schicksal von Alexandretta

Daneben leisten die Volksverteidigungseinheiten (YPG), der militärische Arm der PYD, aber auch militärischen Widerstand. In den vergangenen Wochen häuften sich die Anschläge auf türkische Soldaten und arabische Milizionäre in Afrin. „Je mehr wir angegriffen werden, umso erbitterter leisten wir Widerstand“, sagt Hesso.

„Wir werden die türkischen Truppen in den Sumpf ziehen“, beschreibt die Politikerin ihre Strategie. Ziel sei es, die Besatzung Afrins für Erdogan so kostspielig werden zu lassen, dass er sich irgendwann doch zum Rückzug entscheidet. Die Kurden setzen darauf, dass die schlechte Wirtschaftslage in der Türkei ihnen langfristig in die Hände spielt.

Genau wie McGurk hat Hesso keinen Zweifel daran, dass Erdogan das Gebiet am liebsten der Türkei einverleiben würde. So wie es die Türkei einst mit der Region gemacht hatte, das westlich von Afrin liegt.

Das Gebiet um die Stadt Iskenderun, einst als Alexandretta bekannt, hatte bis 1938 zum französischen Mandatsgebiet Syrien gehört, war dann aber von Frankreich der Türkei überlassen worden. Bis dahin waren Türken in dem Gebiet nur eine von vielen Minderheiten, nach dem Anschluss veränderte Ankara die Demografie des Gebiets und türkisierte die Region, die heute Hatay heißt.

Diesem Schicksal wollen die Kurden von Afrin unbedingt entkommen.

Der Spiegel





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