Med Graffiti

Interview mit Orsolo Casagrande (italienische Journalistin bei der Tageszeitung‚ „Il Manifesto“ in Amed mit der kurdischen Graffiti Gruppe ‚Med Graffiti’

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Med Graffiti

1. Ihr wählt Graffiti-Kunst um euch auszudrücken. Aus welchem Grund wählt Ihr diese Form der Kunst?


* Für die von den Machthabenden und der Regierung nicht als legal wahrgenommenen gesellschaftlichen Gruppen und Menschen gibt es begrenzte Möglichkeiten, um sich auszudrücken bzw. sichtbar zu machen. Wie Sie wissen, kann man heutzutage alle guten Regeln in eine Ecke schieben und die Augen vor den Ereignissen draußen verschließen und diese ausblenden oder über einen Bürgerkrieg nicht mehr nachdenken, während man vor dem neuesten Modell Fernseher auf der Couch sitzend noch die letzte Mühe aufbringt, um die Sendung zu wechseln. Wie Sie auch wissen, markieren manche Tiere mit Fäkalien und Kratzspuren ihr Revier, um zu signalisieren, dass es ihr Gebiet ist. Genau dann findet man sich plötzlich zwischen zwei Fronten, die sich gegenseitig eine Waffe entgegen halten. Erstere kämpft um die natürlich rechtliche Anerkennung und zweitere unterdrückt diese Forderung. Weil wir es können, hinterlassen wir mit Graffit-Kunst unsere Kratzspuren (in unserem Revier).

2. Was wusstet Ihr davor über Graffiti und Graffiti-KünsterInnen?


* In der Tat hatten wir ein Interesse an einer Form der Kunst, die sich auf die Verbildlichung ausrichtet. Während wir darüber nachdachten, sind wir Graffiti als Kunst begegnet. Ebenfalls haben wir über Graffiti-Kunst in theoretischer Hinsicht recherchiert. Interessiert haben uns Graffiti-KünstlerInnen, vor allem die Arbeiten von Banksy haben uns sehr motiviert. Im Bezug auf die politischen, ökologischen etc. Probleme der Menschen und der Gesellschaft haben wir in Graffiti eine starke Ausdruckskraft gesehen.

3. Ihr seid eine Gruppe, die auf hohes Interesse stößt? Wie integriert Ihr interessierte junge Menschen in Eure Gruppe?


* Da wir in Kurdistan die erste politische Graffiti Gruppe sind, wachsen wir langsam. Aufgrund der sozioökonomischen Realität der wir unterworfen sind, können wir nicht ausreichend an unserer Kunst arbeiten. Ganz gleich wo auf der Welt, würden wir gerne überall mit Graffiti-KünstlerInnen mit Herz für Revolution und Freiheit zusammenarbeiten wollen und sie in unsere Gruppe einladen.

4. Trotz der Konsequenzen, die folgen könnten, zeigt Ihr durch diese Kunstform, dass die Stadt Euch gehört. Was bedeutet Graffiti auf den Wänden von Amed für Euch?

* Die Stadt Amed spielt aufgrund von politischen und sozialen Faktoren eine große Rolle, deshalb hat sie als Großstadt eine bedeutende Stellung. Natürlich gibt es keine Realität, die nicht von Klassenunterschieden, kapitalistischen und imperialistischen Strukturen beeinflusst wird. Neben diesen Bedingungen, die die Verhältnisse erschweren, ist es umso wichtiger, die Kunst gegen die Ungerechten einzusetzen und die ungerecht Behandelten mit dieser zu rechtfertigen. Da wir Pioniere auf diesem Weg sind, müssen wir natürlich annehmen, mit Schwierigkeiten konfrontiert zu werden. Als die erste politische Graffiti Gruppe in Kurdistan hat es für uns eine große Bedeutung, die Wände von Amed mit unserer Kunst zu markieren.

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5. Wo liegt der Schwerpunkt in Eurer konzeptionell politisch-sozial gestalteten Graffiti-Kunst?

* Industrialisierung und die modernen Erfindungen führen dazu, dass wir unseren Verstand dahingehend nutzen, um die Menschen zu zerstören. Gesellschaftliche Probleme vermehren sich von Tag zu Tag zuungunsten der Unterdrückten. Die Natur, die Tiere, menschliche Beziehungen werden aufgrund der vorherrschenden Konsumlogik zerstört und gehen verloren. Genau in diesem Moment kommen wir ins Spiel. Diese Faktoren, auf die wir uns konzentrieren, sind der Auslöser für uns. Natürlich kommt der politische Aspekt hinzu. Als Gruppe positionieren wir uns auf der Seite der kurdischen Befreiungsbewegung. Neben Kurdistan, die für uns primär ist, verfolgen und solidarisieren wir uns mit revolutionären Kämpfen in anderen Ländern.

6. Gibt es Werke von Euch, die Ihr den betroffenen (kurdischen) Kindern in den Gefängnissen widmet? Was sind Eure Gedanken dazu? Was bedeutet es für Amed in den jetzigen Zeiten jung zu sein?

* Wir haben Werke, die die betroffenen (kurdischen) Kinder in den Gefängnissen thematisieren. Insbesondere versuchen wir (in unserer Kunst) betroffene (kurdische) Kinder in den Vordergrund zu rücken, die aufgrund der Begründung “Steinewerfen” (in den Demonstrationen) mit Hilfe des Anti-Terror-Gesetzes verurteilt werden. In Amed wird jede Protestform und Bestrebung sich selbst auszudrücken von Regierungsstellen im Keim erstickt. Beschimpfungen, Gewalt, sexuelle Belästigungen – jegliche Erniedrigungsformen sind hier an der Tagesordnung. Jeden Tag gibt es Gefängnisunruhen, jedoch werden diese Ereignisse seitens der Pro-Regierungsmedien nicht thematisiert. Sowohl national als auch international sollten unserer Meinung nach diese Probleme mehr Platz in der Öffentlichkeit bekommen. Hierfür brauchen wir natürlich die organisierte Macht der Medien. Wir werden unseren Kampf bis zum Ende fortsetzen, solange nicht nur die Geschichten der Machthabenden (Löwen) sondern die der Unterdrückten (Gazellen) erzählt werden.

7. Welchen Platz hat Musik in Euren Werken? Was für Musik hört Ihr?

* Wir versuchen unseren Fokus in der (Graffiti) Kunst auf bildliche Elemente zu legen. Noten und Audio-Elemente haben in der Graffiti Kunst neben den Zeichenelementen eine bedeutende Stellung, deshalb versuchen wir auch die Musik in unsere Arbeit zu integrieren. In unserer Gruppe haben wir einen vielfältigen Musikgeschmack. Es gibt Leute, die angefangen bei der traditionell kurdischen Musikrichtung Dengbêj, Keny Arkana, System of a Down und Azad hören. Weiterhin sollte der bekannte kurdische Rapper und Künstler Serhado, der in der kurdischen Jugend sehr bekannt ist, nicht unerwähnt bleiben. Serhado, ist unsere Inspirationsquelle. Er ist der beste Künstler, da er unsere Empfindungen in unserer (kurdischen) Sprache in einem Stil, den wir sehr mögen, ausdrücken kann.

Dengbêj: (kurdisch) ein professioneller Volksliedsänger, der nach einer alten epischen Tradition weltliche Lieder ohne instrumentelle Begleitung vorträgt.

Keny Arkana: ist eine französische Rapperin aus Marseille. Ihre Texte sind sehr politisch, so bezieht sie klar Stellung gegen Kapitalismus, Faschismus und Globalisierung.

System of a Down: (abgekürzt SoaD) ist eine 1995 in Kalifornien gegründete Alternative-Metal-Band, die verschiedene Musikgenres miteinander verbindet. Alle Bandmitglieder sind armenischer Herkunft.

Azad: ist ein deutscher Rapper kurdischer Abstammung.

Serhado: kurdischer Rapper


8. Graffiti-Kunst und Hip-Hop-Musik sind sehr eng miteinander verbunden. Wie ist es in Amed?

* In Amed ist die Zahl der Graffiti-KünstlerInnen sehr begrenzt. Die, die mit uns Graffiti machen, sind in anderen Bereichen ebenfalls tätig. Als Pioniere entwickelt sich (unser Vorhaben) langsam für uns – es braucht länger Zeit. Eine explizite Hip-Hop- und Straßenmusik hat sich in Amed noch nicht entwickelt. Jedoch werden wir von Tag zu Tag immer mehr.





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