Das Orient-Magazin „Zenith“ bildet eine Karte Kurdistans ab – und wird Ziel von türkischen Hackern

„Wir haben das Landeskriminalamt eingeschaltet“

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Das Orient-Magazin „Zenith“

Die 1999 von Hamburger Studenten der Islamwissenschaft gegründete Zeitschrift „Zenith“ hat sich zu einem der angesehensten Magazine über den Nahen Osten und die islamische Welt entwickelt. Das Aufsehen, das die aktuelle Ausgabe erregte, ist allerdings ungewöhnlich: Auf dem Cover ist ein fiktives Kurdistan abgebildet – mit der Frage: „Ist dieses Land noch zu verhindern?“ Die Folge dieser Provokation waren empörte Medienberichte in der Türkei, neugierige Verlagsbesucher – und ein Hackerangriff. Ein Gespräch mit Chefredakteur Daniel Gerlach.

Die Welt:

Die Armenier- und die Kurdenfrage sind offene Wunden im türkischen Geschichtsverständnis. Als Fachmagazin kann eine so heftige Reaktion auf das Cover Sie nicht wirklich überrascht haben, oder?

Daniel Gerlach:

Überrascht hat uns, wie schnell das ging. Das Heft ist erst seit Montag deutschlandweit im Handel, aber es ging schon rund, als wir – wie üblich – das Cover letzte Woche auf Facebook gepostet haben. Und dass wir dann plötzlich auf lauter kurdischen Seiten, unter anderem im Nordirak auftauchten, dass uns die Patriotische Union Kurdistans, als die Partei von Präsident Dschalal Talabani im Irak auf die Startseite hob, hat uns schon gewundert.

Wirklich? Schließlich zeigen Sie eine farbenfrohe Karte Kurdistans im Stil eines beliebten Urlaubszieles.

Die Frage, ob das ernst gemeint ist, sollte durchaus mitschwingen. Das kommt in der Türkei sicher anders an.

Ein Provinzvorsitzender der rechtsnationalistischen Partei MHP verlangte Entschädigungszahlungen von „Zenith“ an die Familien von Opfern der PKK, eine Lokalzeitung in Samsun schrieb „Seit dem Beginn des Friedensprozesses provoziert Deutschland bei jeder Gelegenheit ‚interne Unruhen‘. Dieses Mal ist es eines seiner berühmten Magazine: Zenith.“

Wir haben den Eindruck, dass viele sich über das Cover aufgeregt und dann aus anderen Medien abgeschrieben haben. Auf das eigentliche Dossier sind wenige eingegangen. Wobei ich es hochinteressant fand, was die „Radikal“ schrieb: „Diese Fragen sind nicht neu. Was neu ist und die Köpfe verwirrt, sind die letzten Entwicklungen in diesem Gebiet.“

Gab es Drohungen?

Wir haben natürlich viele kritische Zuschriften und zum Teil auch Hatemails bekommen – aber keine direkten Drohungen. Heftig allerdings waren die Hacker-Attacken, die am 19. Juli anfingen und andauern, so dass wir uns entschieden haben, das Landeskriminalamt einzuschalten. Dort nimmt man die Sache sehr ernst. Wahrscheinlich wird die Staatsanwaltschaft jetzt auch ein Rechtshilfegesuch an die türkische Botschaft richten.

Woher kommen die Angriffe?

Überwiegend aus der Türkei, mit vielen IP-Adressen von TurkTelekom. Es wurde, so sagt zumindest unser IT-Experte, alles ausprobiert: Die Seite durch Massenzugriffe lahmzulegen bis hin zu Versuchen, in unser System einzudringen und unsere Datenbanken zu beschädigen. Das kann enorme wirtschaftliche Schäden auslösen.

Gab es offizielle Reaktionen?

Wir hatten letzte Woche Besuch von ein paar sehr freundlichen Herren, die gerne ein Exemplar des Heftes haben wollten und in einem Diplomatenwagen davonfuhren. Wobei wir übrigens ein gutes Verhältnis zum türkischen Botschafter haben. Ich habe auch manchmal den Eindruck, das ist so eine automatische Order: „Jedesmal, wenn es irgendwo um Kurdistan geht, schaut ihr mal nach.“ Ohne dass da dann gleich eine PKK-Terrorzelle vermutet wird.

Bei so heiklen Themen besteht auch immer die Gefahr, dass Anzeigenkunden abspringen.

Kein Kommentar – das ist der Bereich einer anderen Abteilung und sollte mich als Chefredakteur, der für die Inhalte eines unabhängigen Magazins zuständig ist, nicht interessieren.

Die Welt





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