KURDISTAN / ISKU NEWS

BewohnerInnen des Dorfes Guzareş: Die Soldaten warnten uns vor giftigem Wasser

DEMHAT TOLHILDAN – DELİL ZİLAN / ANF

Behdinan – Bei militärischen Auseinandersetzungen zwischen derGuerilla der PKK und dem türkischen Militär waren zwischen dem 22. und dem 24.Oktober 37 Guerillakräfte durch den Einsatz chemischer Waffen ums Leben gekommen. Nun wurde bekannt, dass das türkische Militär nach dem Angriff mit dem Chemiewaffen die Dorfbewohner in der Nähe des Operationsgebietes im Kazan-Tal davor warnten, aus dem Fluss des Tales zu trinken, da das Wasser vergiftet worden sei. Eine weitere Guerillagruppe, die drei Tage nach den Angriffen das Operationsgebiet besichtigt hatte sprach davon, dass die Spuren eines chemischen Waffeneinsatzes offensichtlich gewesen sind.

“DIE AUSWIRKUNGEN DER CHEMIKALIEN WAREN ERSICHTLICH”

Sidar, Mitglied der Gruppe, die das Gebiet nach den Angriffen besuchte, berichtete der Nachrichtenagentur ANF: „Wir beobachteten die Bombardierung von unserer Stellung aus. Aber wir wussten nicht, dass sich in dem Gebiet auch unsere Freunde aufhielten. Nach der Bombardierung sind wir zu fünft in das Kazan-Tal gegangen.“ Er wies darauf hin, dass die Wirkungen der Chemiewaffen weiterhin zu spüren waren, obwohl mittlerweile drei Tage seit der Bombardierung vergangen waren, „Die Leichname der Freunde waren an einem Punkt versammelt. Einige lagen auch in der Gegend verteilt herum. Es waren dort 13 Leichname. Das Gebiet wurde so stark bombardiert, dass die Felsen die Freunde getroffen hatten. Die Leichname von vielen Freunden waren völlig zerstückelt. Das war ein grausames Bild.“

Sidar erklärte anschließend wie die Guerillakräfte vermutlich ums Leben gekommen sind: „So wie wir das gesehen haben, wurden zu Beginn anscheinend chemische Waffen eingesetzt. Durch diesen Einsatz sind die dortigen Guerillakräfte ohnmächtig geworden. Einige Freunde kamen am nächsten Morgen zu sich. Die Freunde sind nicht alle am ersten Tag ums Leben gekommen. Die Überlebenden wollten die übrigen Freunde nicht im Tal zurücklassen und beschließen dort zu bleiben. Sie lassen das türkische Militär nicht in das Tal eindringen. Es kommt zu stundenlangen Gefechten. Nachdem die Armee begreift, dass sie nicht in das Tal eindringen können, beginnen sie von Neuem mit den Luftangriffen. Bei diesem Angriff werden wieder chemische Waffen eingesetzt. Die verletzten Freunde kommen so ums Leben. Einige Freunde, die eigentlich schon raus aus dem Tal waren, kehrten in der Hoffnung die verletzten Freunde retten zu können zurück und kamen dann ebenso ums Leben.“

Sidar schilderte die Begehung des Tales wie folgt: „Obwohl wir drei Tage nach den Luftangriffen ins Tal gegangen sind, waren die Wirkungen der chemischen Waffen noch spürbar. Sie hatten so viel von dem Zeug eingesetzt, dass uns der Atem wegblieb und wir Schwierigkeiten zu atmen hatten.“

WARNUNG VOR GIFTIGEM WASSER

Von den Dorfbewohnern des Dorfes Guzareş erfuhren Sidar und seine Freunde: „Wir sprachen mit den Menschen des Dorfes Guzareş. Sie sagten uns, dass sie von den Soldaten gewarnt worden seien, dass sie das Wasser des Flusses weder trinken noch anrühren sollten, denn es sei vergiftet.“

Quelle: ANF, 24.11.2011, ISKU

Kandil: Bei Bombardierungen der türkischen Luftwaffe zwei Zivilisten verletzt

Kandil – Erneut wurden am Dienstagabend zivile Einrichtungen zum Ziel der türkischen Luftwaffe. Bei der Bombardierung des Kandilgebietes wurden zwei Zivilisten verletzt.

Die Dörfer Enzê, Meredor, Silê, Kontan und Sûredê wurden bei dem Luftangriff, der etwa eine Stunde andauerte, beschossen. Durch die Angriffe wurden Ismail B. und sein Vater auf dem Feld der Familie schwer verletzt. Zudem wurden viele Tiere der Familie getötet.

Das türkische Militär bombardiert seit dem 17. August die Meder-Verteidigungsgebiete. Dort befindet sich auch eine Vielzahl von Dörfern. Am 21. August wurde bei Luftangriffen ein Zivilfahrzeug zum Ziel. Sieben Zivilisten, darunter vier Kinder, wurden dabei ermordet.

Quelle: ANF, 23.11.2011, ISKU

1 838 Verhaftungen in den letzten sieben Monaten.

Die Verhaftungswelle gegen Mitglieder der Partei für Frieden und Demokratie BDP sowie weitere politische AktivistInnen hält weiter an. In den letzten sieben Monaten von März bis Oktober wurden bei den sogenannten „KCK-Operationen“ 4 547 Personen festgenommen, gegen 1 838 von ihnen wurde ein Haftbefehl ausgestellt. Laut Rechtskommission der BDP wurden im März 383 Personen festgenommen, 117 verhaftet, im April wurden 906 festgenommen und 406 verhaftet. Im Mai wurden 969 Festnahmen und 501 Verhaftungen gezählt, der Juni verlief mit 534 Festnahmen und 120 Verhaftungen, im Juli wurden 65 festgenommen und 44 verhaftet, im August stieg die Zahl der Festnahmen wieder auf 331, 74 wurden verhaftet, im September waren es 636 Festnahmen und 237 Verhaftungen und schließlich im Oktober wurden 717 Personen festgenommen und 332 Verhaftet.

Quelle: ANF, 24.11.2011, ISKU

Die Wirtschaftspolitik der Türkei in Bezug zur kurdischen Frage

Veysi Sarısözen

Die AKP-Regierung ist dabei ein Gesetz zu erarbeiten, um bei Verdacht auf Unterstützung einer „Terrororganisation“ das gesamte Vermögen der Verdächtigten zu beschlagnahmen. Dies geschieht prompt, als wir eine Änderung der Antiterrorgesetze auf dem Weg zu einer neuen Verfassung forderten.

Dieses Gesetz ist ein Beleg dafür, dass die historisch bekannte Methodik der Kapitalakkumulation des türkischen Staates ein weiteres Mal zum Einsatz kommen soll.

Die Entstehung des türkischen Nationalkapitals ist nicht auf ökonomische Vorgänge und Entwicklungen zurückzuführen sondern auf den blutigen Genozid an den Armeniern. Zusammengefasst lässt sich sagen, dass das türkische Nationalkapital nicht durch Anstrengung und Arbeit erschaffen wurde, sondern durch die Vernichtung eines Volkes. Im Anschluss zum türkischen Nationalkrieg wurden die Griechen rechtswidrig vertrieben. Das Kapital wurde schließlich vollkommen türkisch-national als im Zuge des Pogroms vom 6./7. September 1955 an den Griechen auch deren Kapital vom türkischen Kapital unter den Nagel gerissen wurde.

Dies bedeutet nun, dass es an der Reihe ist, sich auch das „kurdische Kapital“ einzuverleiben.

Wir haben stets über die türkischen Medien vernehmen können, dass der Musiker und Schauspieler Ibrahim Tatlıses der PKK Geld zuführt. Auch er wird auf diese Nachrichten stets mit einem müden Lächeln reagiert haben. Aber dies kann sich nun schlagartig ändern, da, wenn das Gesetz von dem wir hier sprachen das Parlament passiert, der Staat bereits bei Verdacht z. B. alle „Kebab-Läden“, die im Besitz von Ibrahim Tatlıses sind, verstaatlichen kann.

Und was passiert, wenn so z. B. die Marktanteile auf dem Kebab-Markt neuverteilt werden. Dann wird ein Türke von der Gülen-Sekte diese Lücke fühlen und sich so das kurdische Kapital einverleiben.

In den 90ern befand sich bewiesenermaßen eine Liste von kurdischen Geschäftsleuten in der Tasche der damaligen Ministerpräsidentin Tansu Ciller. Diese wurden einer nach dem anderen ermordet, so dass die Lücken, die diese hinterlassen hatten, von zuvor bestimmten Akteuren gefüllt wurden.

Was will man nun erreichen? Man will zum selben Ergebnis gelangen, indem man kurdisches Kapital beschlagnahmen möchte. Die AKP versucht bereits, die Geschäftsleute östlich des Euphrats zu kriminalisieren, die aus Protest ihre Geschäfte geschlossen halten. Die AKP und Oligarchen der Gülen-Sekte, die dem türkischen Kapitalismus die Richtung geben, bedrohen offen das kurdische Kapital, Geschäftsleute, Vermögende, indem sie deutlich machen, dass sie ihnen ihr Haus, ihren Laden, ihre Fabrik, ihre Herde, etc. wegnehmen werden. Sobald dieses Gesetz verabschiedet ist, wird man das Vermögen der Kurden und Kurdinnen plündern und sich aneignen können. Die Geschichte berichtet uns von dieser Gefahr.

Wie wird diese Plünderung aussehen?

Die neuen Oligarchen der AKP und Gülen-Sekte wissen bestens Bescheid, wie man das Vermögen anderer durch Plünderung an sich reißen kann. Denn sie sind es, die durch Betrug, Manipulation und der Ausbeutung von Arbeit zu einer neuen mopolistisch-grünen Bourgeoisie aufgestiegen sind. Sie haben durch ihre Praxis bewiesen und erfahren, dass das Geld keine Gottheit kennt. In jedem ihrer Münzen stecken mindestens der Seufzer eines Wehrlosen, die Schließung eines Ladens, der Verlust des Standes eines Markthändlers oder die Insolvenz einer Manufaktur. Der kurdische Viehmarkt wurde niedergemacht und wird nun durch türkische Viehimporteure ersetzt. Sie befinden sich auf einem Markt, wo das Geld gottlos ist, so dass sie zu den Meistern der niederträchtigsten Wirtschaftsform geworden sind. Weil sie sich dessen bewusst sind und die Nachricht von dem neuen Gesetz erhalten haben, freuen sie sich bereits wie Hyänen.

Nun diejenigen, die noch nicht Teil des städtischen-grünen Kapitals sind und zu den Fußsoldaten der AKP zählen, werden wie AK-Babas (Mafiös) durch Verleumdung und abgekarteter Fallen ihre Konkurrenz eliminieren, indem sie sie der Unterstützung von Terroristen beschuldigen werden. Dafür sitzen sie bereits in den Startlöchern.

Man wird durch dieses Gesetz an den Küsten, wo die Fremdenfeindlichkeit ihren Höhepunkt erreicht hat, die kurdischen Manufakturen innerhalb weniger Jahre vom Markt drängen. Dies ist der Beginn der Säuberung der Küste von KurdInnen.

Aber es gibt weitaus strategisch wichtigere Ziele, die man so zu erreichen hofft.

Alle, die in Antep, Malatya, Diyarbakir und in den vom Euphrat östlich gelegenen aufstrebenden Städten Teil der demokratisch-kurdischen Front waren, an Demonstrationen vielleicht gar nicht teilgenommen aber die BDP gewählt haben, irren sich, wenn sie glauben, dass man sie in Ruhe lassen wird, wenn sie sich vom demokratisch-kurdischen Widerstand fern halten. Die AKP wird diese, sobald das Gesetz verabschiedet ist, nicht wegen Unterstützung des „Terrors“ anklagen, sondern das kurdische Kapital angreifen und die Lücken mit türkischen Kapitalisten schließen.

Dies ist der erste Schritt hin zur Aufteilung des regionalen Marktes unter dem türkischen Kapital. Die AKP beabsichtigt nicht nur den Markt innerhalb der Türkei für sich einzuverleiben, sondern zielt darauf, den gesamten kurdischen Markt zu erobern. In den Süden [Südkurdistan] investiert die Öl- und Baubranche in Begleitung militärischer Drohgebärden, im Westen [Syrien] intervenieren sie gegen Baschār al-Assad unter dem Vorwand der imperialistischen Lüge die Demokratie installieren zu wollen und im Norden eben durch das Gesetz Besitzlose zu schaffen. Der Wirtschaftsminister Babacan hat erst kürzlich erklärt, dass der europäische Markt zusammenbrechen wird und die Produzenten sich nach neuen Märkten umzuschauen hätten. Nirgends auf der Welt gibt es einen freien oder offenen Markt. Neue Märkte zu erschließen bzw. erobern bedeutet, dass man andere von diesem Markt vertreiben und an ihre Stelle treten muss.

Der Fall der Regime südlich der Türkei bedeutet ein enormes Potenzial für das Kapital. Die kurdischen Territorien befinden sich eben im Herzen des zukünftigen Reichtums. Auch die imperialistischen Mächte wissen, dass die Macht, welche Kurdistan beherrscht, die gesamte Region beherrschen wird.

Das türkische Kapital versucht durch dieses neue Gesetz, die Verhaftungen, die Vertreibungen, durch den Krieg und durch die Schaffung von Besitzlosen die demokratisch-nationale Einheit der Kurden zu zerschlagen. So, oder durch andere Tricksereien und Betrügereien, versucht sie sich das Herz der Region einzuverleiben. Über den Weg, der von über 200.000 Soldaten und Tausenden von Polizisten geebnet werden soll, hat das türkische Kapital seinen Feldzug in die Region gestartet.

Quelle: Özgür Gündem, 23.11.2011, ISKU

Aufbau der kommunalen Wirtschaft in Maxmur

Rojin Felat –ANF

Maxmur, das in Bezug auf die Organisierung der Bildung und der Zivilgesellschaft erstaunlichste Flüchtlinscamp, hat nun auch Gewächshäuser. Zum Aufbau der ‚kommunalen Wirtschaft’ werden in zwei fünfhundert Meter langen Foliengewächshäusern Gurken angebaut.

Das Flüchtlingscamp Maxmur fährt fort, seine trockene, harte und unwirtliche Erde zu beleben. In dem Camp, in dem die Probleme mit der Strom- und Wasserversorgung kein Ende nehmen, wo aber vor jedem Haus ein Obstbaum wächst und wo Parks entstehen, wurde ein neuer Schritt, dieses Mal hin zur kommunalen alternativen Wirtschaftsweise, getan.

Im Camp wurden nun Gewächshäuser gebaut. Das ist etwas ganz neues für ein Flüchtlingscamp und gleichzeitig ein wichtiges Beispiel auch für die Föderalistische Region Kurdistan. Das vom Bürgermeister beim UNHCR beantragte und dieses Jahr angenommene Treibhaus-Projekt ist ein erster Versuch, im Camp selbst angebaute Produkte in den Verkauf zu bringen.

In zwei direkt am Eingang des Camps befindlichen fünfhundert Meter langen Zelten werden Gurken gezüchtet. Das Stück Land ist mit einem niedrigen Drahtzaun umgeben worden. Bei unserem Besuch der Gewächshäuser wird uns die Tür vom 65-jährigen Onkel Haci (Ape Heci) geöffnet. „Hier könnt ihr so viele Gurken essen, wie ihr wollt, aber bitte, lasst die kleinen in Ruhe und verletzt keine der Pflanzen“, sagt Onkel Haci. „Wenn ihr etwas abreißt, bekommt ihr eine Strafe“, begrüßt er mit gutgemeinten Späßen seine Besucher.

Während sich Onkel Haci mit uns unterhält, verrichtet er seine Arbeit. Die campeigene Treibhauswirtschaft kann als ein erster Schritt in Richtung einer kommunalen Wirtschaftsweise angesehen werden. Der Aufbau der Folientunnel und die Vorbereitung des Erdreiches begannen am 14. September. Noch am selben Tag wurden die Gurkensamen ausgesät. Am 24. Oktober hatten die ersten Gurken ihre Größe erreicht, erzählt Onkel Haci und fügt hinzu, dass es zurzeit etwa 1400 Salatpflanzen gibt.

Nach dreißig bis vierzig Tagen sind die Gurken essbar

Einer von denen, die in den Gewächshäusern arbeiten, ist Onkel (Ape) Karker. Haci und Karker gehen jeden Tag gemeinsam zu den Treibhäusern. Die Treibhauswirtschaft erfordert spezielle Bewässerung, es muss gleichmäßig gesprengt werden. Die Pflanzen holen sich ihr Wasser aus geraden Plastikrohren, die in der Erde liegen. Die wärmeliebenden Gurken haben nach vierzig Tagen die richtige Größe und Konsistenz. Nimmt die Temperatur noch zu, können sie bereits nach dreißig Tagen gegessen werden. Haci und Karker müssen die Pflanzen jeden Tagen besprühen, damit die Luft nicht zu feucht wird, gibt es ein Belüftungssystem.

Um den Platz in den Treibhäusern optimal auszunutzen, kriechen die Triebe der Pflanzen nicht über den Boden, sondern werden hochgebunden. Wie Onkel Haci erklärt, werden die unteren alten Blätter regelmäßig mit einer Schere entfernt, das hilft den Pflanzen, besser zu wachsen und schneller auszutreiben. Haci behandelt die Pflanzen so zärtlich und er bemüht sich, keiner ein Leid zuzufügen gerade so als wären es kleine Kinder.

Die Benutzung von tierischem Dünger

In ein paar Tagen beginnt die Ernte der Gurken. „Wir benutzen keine chemischen Düngemittel“, sagt Onkel Haci „tierischer Dünger ist gesünder.“ Wenn die Triebe voll mit kleinen und großen Gurken sind, kann jeden zweiten Tag geerntet werden.

Aussagen über die Höhe der Einnahmen der Anlage will Haci nicht machen. Er erzählt nur, dass jeden zweiten Tag etwa 150 Kilogramm Gurken zum Verkauf in die Läden Maxmurs wandern.

Onkel Haci fügt noch hinzu: „Eigentlich sind die Treibhäuser nur als Versuch eingerichtet worden. Wir sind erdverbundene Menschen und haben eine besondere Beziehung zur Natur. Man muss ihre Sprache verstehen. Sie ist wie ein Kind, wenn du sie liebevoll behandelst, liebt sie dich auch.“ In der Treibhausanlage arbeiten nur zwei Leute, sie machen sauber, bewässern die Pflanzen und ernten sie.

Der UNHCR ist verwundert

Onkel Haci erzählt, dass der Vertreter des UNHCR bei seinem letzten Besuch sehr erstaunt war. Der Grund dafür war die Kürze der Zeit in der wir alles aufgebaut haben und dass wir mit diesem kleinen Stück Erde Erträge in Höhe mehrerer hundert Kilogramm erzielen. Weil es selbst in der unten gelegenen Kleinstadt Maxmur zu dieser Jahreszeit keine frischen Gurken gibt, sagte der Vertreter des UNHCR zu, sich dafür einzusetzen, das Projekt auch auf Tomaten und Paprika auszuweiten.

„Damit es nicht bei diesem Versprechen bleibt, sondern etwas Praktisches daraus wird, schreibt von unseren Erwartungen“, sagt Onkel Haci. „Wenn wir auch mit dem Anbau von Tomaten und Paprika beginnen, werden sowohl mehr Menschen hier Arbeit finden, als auch das Camp sich mit gesunden Produkten aus eigenem Anbau versorgen können.“

Quelle: ANF, 19.11.2011, ISKU

Keine Demokratie ohne die KCK

Selahattin Erdem

Ohne Zweifel ist die Gemeinschaft der Gesellschaften Kurdistan (KCK – Koma Civakên Kurdistan) einer der grundlegendsten Themen die in der Türkei diskutiert werden. Justiz, Intelektuelle, Polizei und PolitikerInnen – sie alle analysieren aus dem eigenen Blickwinkel. Alle versuchen aus ihrer eigenen Sicht die KCK zu definieren und zu erklären, „wie gefährlich“ sie doch eigentlich sei. Es gleicht der Teufelssteinigung in Mekka! Das merkwürdige an der ganzen Sache ist, dass es nur eine Person gibt, die die KCK öffentlich unterstützt. Alle anderen kritisieren, bekommen nicht genug zu fragen „wieso kritisieren die Kurden nicht“. Es scheint wie ein Griff ins Leere zu sein.

Natürlich entspricht das aber nicht der Wahrheit. Die KCK bedeutet nicht „das Leere“. Aus diesem Grunde ist die Kritik auch kein „Griff“ ins Leere. Im Gegenteil, die die die KCK kritisieren, wissen ganz genau was sie tun! Die KCK verkörpert das Hauptthema und die Suche nach einer Lösung in der Türkei. An den letzten Diskussionen beteiligte sich auch Premier Erdoğan. Er erwähnte, dass „die KCK Operationen richtig seien und weiter gehen werden“. Er beschuldigte auch jene, die die KCK nicht kritisieren, dass sie „die KCK-Realität nicht begreifen“ würden und dass ein paralleler Staat zur türkischen Republik, nämlich die KCK, nicht akzeptiert werden könne.

Ob man dies befürwortet oder nicht – eine positive Sache haben diese Worte. Er versteckt sich nicht mehr hinter der Justiz in Sachen KCK-Operationen. Somit beweist sich auch, dass diese Operationen nicht im Rahmen von „juristischen Straftaten“ gemacht werden, sondern komplett politisch motiviert sind. Das ist ganz klar ein Geständnis, nämlich dass die Justiz für eigene politische Interessen ausgenutzt wird. Ein Gruß an jene die sagen, die AKP bringe Demokratie und sei besser als ihre Vorgänger …

Wir teilen die Meinung des Premiers wenn er davon redet, dass die KCK nicht ganz verstanden wird. Aber wir sind auch der Meinung, dass er sie eben so wenig verstanden hat. Denn er nennt sie „paralleler Staat zur Türkei“.

Die KCK erklärt sich am besten als „demokratische Volksverwaltung“. Sie legt ganz offen dar, dass sie „kein Staat“ bzw. „gegen den Staat“ ist und auch keiner werden will. Aber für den Blickwinkel, die jede Verwaltung als „Staat“ ansieht, ist sie natürlich ein „alternativer“ bzw. „paralleler“ Staat.

Während Tayyip Erdoğan die KCK so beschreibt, setzen andere die PKK und KCK gleich. Das ist von Anfang bis Ende falsch. Jeder, der sich ansatzweise mit dem kurdischen Widerstand auskennt, sieht sofort, dass das nicht so ist. Die PKK ist ein philosophisch-ideologischer, auf Ausbildung basiertes, militantes Kader-Kollektiv; die KCK hingegen ist eine organisierte (demokratische) Gesellschaftsform. Die beste Übersetzung für KCK wäre „Demokratisches Kollektiv der Gesellschaft aus Kurdistan“. Hier ist das Augenmerk auf „Kollektiv der Gesellschaft“, während bei der PKK das „Kollektiv von militanten Kadern“ im Vordergrund ist. Die PKK nimmt zwar in der KCK teil, aber organisatorisch kann die KCK nicht in der PKK teilnehmen bzw. würde dies den Rahmen der PKK sprengen.

Auch die Vergangenheit bestätigt, dass die PKK und KCK nicht ein und dasselbe sind. In der Vergangenheit gab es die ERNK(Eniya Rizgariya Netewîya – Nationale Befreiungsfront Kurdistan) zusammen mit der PKK. Während die PKK die kurdische Frage in Rahmen eines Staates lösen wollte, war die ERNK die Volksorganisation. Sie entsprach dem Volk, das sich von der PKK beeinflusst hat. Jedoch war die PKK nicht dasselbe wie die ERNK. Damals gab es auch Leute die behaupteten, dass diese beiden dasselbe wären wie bspw. verschiedene türkische Regierungen. Doch haben sie sich nirgends(z. B. in Europa) mit dieser Behauptung durchsetzen können.

Auch wenn es nicht ein und dasselbe ist, kann man die KCK mit der ERNK vergleichen. Während die ERNK sich auf den Staat stütze, stützt sich die KCK auf die demokratische Gesellschaft. Während die ERNK nur jenes Volk repräsentierte, das sich zur PKK bekannte, ist die KCK hier viel breiter orientiert. Sie verbindet das organisierte Volk aus Kurdistan, egal ob sie sich der PKK zugehörig fühlt oder nicht.

Ob es einem gefällt oder nicht, die KCK ist als Lösungsmodell vorgeschlagen von der PKK. Aus Sicht der PKK ist es das demokratischste Modell. Es fußt nicht auf der Teilung nach [Staats]Grenzen sondern auf die Bindung der Gesellschaft.

Sie setzt sich auch nicht als Ziel den Staat zu zerstören sondern nimmt die „Staat + Demokratie“-Formel wahr. So nimmt sie die Gesellschaftsorganisation wahr.

Die KCK ist also nicht so wie Premier Erdoğan behauptet „ein paralleler Staat“, sondern beschreibt sich als „Staat + Demokratie“ bzw. als „Demokratie parallel zum Staat“. Wenn es in dem Land eine Demokratie geben soll bzw. wenn es eine organisierte demokratische Gesellschaft in einem Staat geben soll, dann wird das die KCK sein. Das bedeutet, wenn es die KCK nicht gibt, dann gibt es auch keine Demokratie. Also wird es keine richtige Demokratie geben, wenn der Premier sein Vorhaben, nämlich „die KCK zu vernichten“, durchsetzt.

Manche sagen, „wir haben das Programm der KCK gelesen, sie ist nicht demokratisch“. Das kann sein, es gibt sicherlich anti-demokratische Seiten an der KCK. Sie behauptet von sich, dass sie das „demokratische Gesellschaftssystem“ ist, jedoch können Inkonsistenzen vorherrschen. Solche Sachen können diskutiert und kritisiert werden. Die KCK wurde nicht von göttlichen Kräften erstellt und kann Fehler aufweisen! Diese können aber korrigiert werden. Darüber hinaus ist die KCK theoretisch und praktisch nicht vollkommen vollendet. Deswegen ist sie bereit für Veränderungen in der praktischen Phase.

Weiterhin wird behauptet, dass die PKK mittels der KCK einen Teil der Türkei regieren will. Die KCK und auch nicht die „Demokratische Autonomie“ darf so verstanden werden. Die PKK hat in keiner Erklärung gesagt, dass sie „diesen und jenen Teil regieren“ will. Jedoch vertritt sie die These, dass das kurdische Volk sich selbst regieren soll. Dies ist auch nicht begrenzt auf das kurdische Volk. Die Forderung kann viel mehr so formuliert werden: „zivilgesellschaftliche Organisationen sollen mehr Einfluss haben, die demokratische Gesellschaft soll sich organisieren und alle Schichten der Gesellschaft sollen sich selbst regieren“. So wird auch echte Demokratie und Freiheit beschrieben, oder?

Die Zeit, in der alles von Ankara aus regiert wurde, sollte vorbei sein. In der modernen Zeit sollte sich jeder an der Regierung beteiligen (können). Aus diesem Grunde werden alle Teile der Gesellschaft, alle Völker und auch das kurdische Volk sich organisieren und ihre demokratische „Regierung“ bilden. Ob das nun KCK heißt oder anders, ist nicht wichtig. Wichtig ist der demokratische Kern.

Gut oder schlecht: Die PKK schlägt ein Modell zur Lösung der kurdischen Frage vor. Dieses heißt KCK oder Demokratische Autonomie. Aber jene, die dieses kritisieren, denen das nicht gefällt, alle politischen Parteien und JournalistInnen haben keinen eigenen Vorschlag. Selbst keinen Vorschlag haben, aber andere kritisieren! Nun, da kann man doch fragen: „Wo ist euer Projekt?!“ Die AKP behauptet, dass sie eine neue Verfassung ausarbeitet. Wie wird sie die kurdische Frage lösen wollen? Wie werden demokratische Rechte und Freiheit aussehen? Die AKP sollte diese Fragen einmal beantworten!

Alles in allem kann gesagt werden, dass es keine demokratische Lösung der kurdischen Frage geben kann, wenn es keine KCK gibt! Das bedeutet also, dass es keine Demokratie und Einheit in der Türkei geben wird! Eine Türkei ohne KCK wird eine geteilte, faschistische Türkei sein!

Jetzt ist es an der Zeit diese Fakten zu sehen und einige Tabus zu brechen!

Quelle: Yeni Özgür Politika, 21.11.2011, ISKU

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