Die Aufstände und wir / Ein Kommentar

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Vom Aufstand der kommt, schrieb im Jahr 2007 ein Autorenkollektiv aus Frankreich. Nun, im Jahr 2011 sind die Aufstände längst da und wir stehen staunend am Rande und beobachten das wilde Treiben.

Die Allerwenigsten dürften die Vorgänge in Nordafrika, in Griechenland und Spanien für möglich gehalten haben. Überrumpelt von den Ereignissen und unfähig sie einzuschätzen scheint dies auch ein Grund zu sein für die Starre der Linken, der AnarchistInnen, der Autonomen und allen anderen emanzipatorisch-sozialen Bewegungen. Die Jahre des täglichen Dahintreibens, des politischen Alltags und der (sicher notwendigen) Abwehrkämpfe scheinen uns müde, träge, fast schon gelähmt gemacht zu haben. Zu träge um die Zeichen der Zeit tatsächlich zu erkennen, zu handeln und nach vorne in die Offensive zu gehen. Wir warten. Wir warten, dass etwas passiert. Dass irgendwer den Anfang macht. Dass es endlich losgeht. Und übersehen dabei, dass wir längst mittendrinn sind.

Jeden Tag fühlen wir uns hilflos, mutlos, traurig und hoffnungslos angesichts der Katastrophe in der wir uns befinden. Jeden Tag sprechen, schreiben, singen wir von der sozialen Revolution. Jeden Tag träumen wir von einer gerechteren Welt und doch scheint es uns gerade unmöglich, die Realität als das zu erkennen, was sie ist – eine Phase des Umbruchs. Eine Phase des Zusammenbruchs. Eine Phase der Zersetzung. Langsam vollzieht sie sich in den nördlichen Staaten der EU, eine ungeheure Dynamik ist derzeit in den südlichen Staaten, vorallem in Griechenland zu beobachten. Schneller als erwartet stehen wir vor der Situation, welche wir als Revolutionäre herbeisehnen und die uns wegen der unheimlichen Härte, mit der sie uns und derzeit vorallem die Griechinnen- und Griechen trifft in einen Schockzustand versetzt.

Wir sehen in Griechenland derzeit einen Vulkan, der seit einigen Jahren stark brodelt, ein paar kleinere Ausbrüche hinter sich brachte und nun vor dem großen Ausbruch steht. Wir sehen die Praxis einer sozialen Explosion. Wir sehen eine Bevölkerung, die zu Hundertausenden auf die Straßen gehen und sich versammeln. Die regelmäßig Generalstreiks durchführt und mit unnachgiebiger Härte vom griechischen Staat bekämpft wird und doch aufrecht stehen bleibt. Eine Gesellschaft, die keine Perspektive, keine Hoffnung auf Besserung mehr hat. Menschen, die die korrupten, verlogenen PolitikerInnen in ihren Parteien, KapitalistInnen, die EU und die sozialpartnerschaftlichen Gewerkschaften hassen und keinen Glauben mehr an das Bestehende haben.

Einhergeht geht dies mit einer langen Tradition anarchistischer Elemente („In jedem Griechen steckt ein kleiner Anarchist“) und einer verhältnismäßig großen Akzeptanz und Zustimmung anarchistischer Ideen innerhalb der Bevölkerung. Dies zeigt auch die Praxis der Vollversammlungen; der Dezentralisierung der Versammlungen in die Stadtteile; die Selbstorganisation der Versammlungen, Besetzungen, Proteste; die Versuche die Proteste international, zumindest mit denen in Spanien zu vernetzen; die Verbannung jeglicher Fahnen oder Banner und Einflußnahme etablierter Organisationen; die Ablehnung des Staates und dessen Gewalten; die Ablehnung der herrschenden Klasse; die Beteiligung aller Teile der Bevölkerung; die grundsätzliche Akzeptanz und Möglichkeit für die Erörterung verschiedenster Meinungen oder das rigorose, gemeinsame Vorgehen gegen FaschistInnen und Bullen. Es scheint noch keine echte Perspektive zu geben, doch es wird versucht und experimentiert. Und das ist viel mehr als wir uns vor einigen Jahren noch hätten vorstellen können.

Die Vorraussetzungen für eine Auflösung des Bestehenden und dem Versuch etwas völlig Neues auszuprobieren könnten vermutlich besser nicht sein. Und das ist sicher eine zynische Sache, soziale Not herbeizusehen. Eine Praxis, der wir uns bewusst sind, die Angst macht und die wir doch herbeisehnen. Denn sie scheint notwendiges Übel für eine soziale Revolution.

Dass eine innerhalb der EU isolierte Revolution fast zum Scheitern verurteilt ist, sollte klar sein. Und doch scheint die Zeit hier fast still zu stehen. Wir gehen unserem „Alltag“ nach und wissen nicht so recht, wie wir uns verhalten sollen, was wir tun sollen, ob wir überhaupt was tun sollen. Wir fragen uns, was passiert in Griechenland? Welche Dimension is dort erreicht? Was ist möglich? Was können wir tun?

Wir sehen nach Griechenland, unfähig die Ereignisse zu beurteilen und einzuordnen. Unfähig von der theoretisch, defensiven Ebene in die praktisch, offensive über zu gehen. Unfähig losgelöst von bestehenden Denkmustern und Vorstellungen loszuschlagen und eine Welle in Bewegung zu setzen. Unfähig eine breitere Masse der Gesellschaft miteinzubeziehen. Unfähig eine breite Vernetzung mit den kämpfenden Griechinnen- und Griechen herzustellen. Unfähig eine breite Gegenöffentlichkeit zu erzeugen. Denn wenn wir hier scheinbar auch Lichtjahre von einem Aufstand entfernt sind, wäre es eine absolute Notwendigkeit wenigstens die Gegenöffentlichkeit zu erzeugen, der Hetze gegen die „faulen, undankbaren Griechen“ und der von den Herrschenden propagierten „Alternativlosigkeit des Spardiktats“ Vorschub zu leisten und für weltweite Solidarität zu werben. Und zwar in einer nie dagewesenen Dimension. So wie die Aufstände eine nie dagewesene Dimension erreicht haben.

Die kämpfenden Griechinnen- und Griechen brauchen JETZT unsere vollste Unterstützung!

Wann, wenn nicht jetzt, wo, wenn nicht hier die Blase endlich zum Platzen bringen!

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