Ismail Besikci – Angeklagt

Es wirkt, als habe die Türkei die jüngsten Äußerungen des deutschen Außenministers Westerwelle bestätigen wollen. Der hatte vor seinem Besuch in Istanbul gesagt, die Türkei sei für einen Beitritt zur Europäischen Union nicht „reif“. Genau am Tag seiner Visite nun sollte Ismail Besikçi vor der 11. Strafkammer in Istanbul erscheinen, um sich wegen (angeblich) schwerer Verbrechen zu verantworten: Wieder einmal nämlich soll er Propaganda für die terroristische Kurdische Arbeiterpartei (PKK) betrieben haben, die seit Wochen wieder Anschläge unternimmt.

Ismail Besikçi kennt diese Anklagen. Der bekannteste Kurden- und Minderheiten-Forscher des Landes hat sie oft genug vernommen; sie lassen sich leicht gegen alle vorbringen, die sich – in welcher Form auch immer – gegen die herrschende Meinung in der Kurden-Frage wenden. Man hat ausgerechnet, dass er zu insgesamt mehr als hundert Jahren Haft verurteilt worden ist. Bei acht Gefängnisaufenthalten hat er 17 Jahre davon verbüßt; mittlerweile ist Besikçi 71 Jahre alt. Er teilt dieses Schicksal mit vielen Intellektuellen, die – wie etwa der Romancier Yasar Kemal – zur Kurden-Problematik entschieden andere Auffassungen haben als die Regierung oder gar die offizielle kemalistische Staatsideologie. Mit dieser Ideologie, die seit den zwanziger Jahren aus Angst vor territorialer Zerstückelung im Grunde keine Minderheiten kennt, sondern nur noch Türken, liegt der Soziologe tatsächlich schon Jahrzehnte im Streit. In mehr als dreißig wissenschaftlichen Publikationen hat sich Besikçi mit Sprache, Kultur und Stammes-Struktur der Kurden beschäftigt und ihre jeweilige Differenz und Eigenständigkeit gegenüber den Türken herausgearbeitet. Als Ergebnis seiner Forschungen plädiert er schon lange für das Selbstbestimmungsrecht der Kurden. In früheren Jahren tat er dies unter stramm linken, marxistischen Vorzeichen; doch was das betrifft, ist er milder geworden. Man legte diesen Wissenschaftler auch zu sehr fest, wenn man ihn nur als Kurden-Kenner bezeichnete. Besikçi interessiert sich auch für die Aleviten, die Yeziden, die syrischen Christen und andere Minderheiten der Türkei und des Nahen Ostens, die verfolgt wurden und teilweise noch werden.

Ismail Besikçi wurde 1939 in eine türkische Familie hineingeboren. Die Eltern waren überzeugte Kemalisten und Nationalisten. Besikçi machte seine akademische Karriere an der Universität von Erzurum, ganz im Osten Anatoliens, wo der kurdische Bevölkerungsanteil nicht gering ist. Unter anderem unterrichtete er dort Turkologie. Die Denunziation durch einen Kollegen brachte ihn in den sechziger Jahren zum ersten Mal mit den Behörden in Konflikt. Eine Kette von Anklagen und Prozessen wurde seither geknüpft. Gegenwärtig setzen sich zahlreiche türkische und kurdische Intellektuelle dafür ein, die jüngste Anklage gegen den Wissenschaftler fallenzulassen. Unter dem Motte „Die Ehre der Wissenschaft steht nicht allein“ setzen sie sich für die Freiheit Besikçis ein. Und auch für den Verleger Zeycan Balci, der Besikçis jüngsten inkriminierten Aufsatz druckte.

F.A.Z., 29.07.2010, Nr. 173 / Seite 8 / WOLFGANG GÜNTER LERCH





kostenloser Counter
Poker Blog