GEWALT GEGEN FRAUEN IN DER TÜRKEI & KURDISTAN

Immer wieder erschüttern Verbrechen gegen Frauen die Öffentlichkeit in der Türkei

Vor wenigen Tagen hat ein Zusammenschluss türkischer NGO’s einen “Schattenreport” über die Lage von Frauen in der Türkei veröffentlicht.

Als Schattenreport firmiert er deshalb, weil zur gleichen Zeit auch ein regierungsamtlicher Bericht zum gleichen Thema verfasst und an den “UN-Ausschuss für die Beseitigung von Diskriminierung gegen Frauen” übergeben werden sollte. Diesem Ausschuss gehört die Türkei seit 1985 an. Dass die Verfasser des Schattenreports, der das vergangene Jahrfünft umfasst, nicht in helle Begeisterung über die Leistungen der konservativ-islamischen “Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung” (AKP) des türkischen Ministerpräsidenten Tayyip Erdogan ausbrechen, überrascht nicht. Das Ausmaß ihrer fundiert begründeten Kritik an den Versäumnissen der AKP ist hingegen durchaus erstaunlich. Grundsätzlich wird bemängelt, dass es der Regierung an politischem Willen fehle, das beklagenswerte, gesellschaftsimmanente Los vieler Frauen in der Türkei zu verbessern.

Zwar hat die Regierung im Ankaraner Parlament einen Ausschuss eingerichtet, der sich mit solchen Fragen beschäftigt, was in dem Bericht lobend erwähnt wird. Doch sei die Wirksamkeit des Komitees bisher äußerst begrenzt. Tatsächlich werde ein überkommenes Rollenbild der Gesellschaft durch Äußerungen von Regierungspolitikern (etwa des Ministerpräsidenten, der unlängst die türkischen Frauen aufforderte, mindestens drei Kinder zu haben) mitunter noch verstärkt, heißt es sinngemäß in dem Bericht, der bei der Teilhabe von Frauen am Berufsleben sogar eine rückläufige Entwicklung konstatiert. Oft fehlen die gesetzlichen Regelungen: Es gibt auf den Arbeitsämtern keine staatlichen Programme, die Frauen an den Arbeitsmarkt heranführen. Wo es Gesetze gibt, werden sie häufig nicht oder nur nachlässig in die Praxis umgesetzt.

Das gilt auch für den Kampf gegen häusliche Gewalt: “Obwohl die nötigen Maßnahmen dargelegt und die zuständigen Behörden zum Kampf gegen Gewalt gegen Frauen in einem Memorandum des Ministerpräsidenten genannt wurden, wurden den Institutionen die Budgets nicht entsprechend zugeteilt, da es dem Staat an einer umfassenden Politik auf diesem Gebiet mangelt”, heißt es in dem Bericht. Zwar ist es eigentlich schon seit 2005 gesetzlich vorgeschrieben, dass jede türkische Stadt ab einer Bevölkerungszahl von 50 000 Einwohnern ein Frauenhaus unterhalten muss, doch wird die Missachtung dieser Vorschrift offenbar nicht geahndet. So gab es auch drei Jahre nach der Verabschiedung des Gesetzes nach dem Bericht erst für kaum mehr als 1100 Frauen und Kinder im ganzen Land Plätze, um häuslicher Gewalt in staatlich geschützten Unterkünften zu entfliehen. Nicht nur wenn es stimmt, was die in dem Bericht angeführte Statistik aus dem Jahr 2009 besagt – dass nämlich 39 Prozent der Frauen in der Türkei schon einmal Opfer häuslicher Gewalt wurden – ist das viel zu wenig. In einer älteren, schon 2007 erstellten Umfrage gaben 42 Prozent der Frauen an, nicht zu wissen, dass Gesetze zu ihrem Schutz vor häuslicher Gewalt überhaupt existieren.

So ging es offenbar auch Sidika P., deren Fall die Türkei jüngst erschütterte. Artikel über Gewalt gegen Frauen sind ein regelmäßiger Bestandteil der türkischen Medienberichterstattung, doch der Fall P. ragt über das schon zur traurigen Gewohnheit gewordene Normalmaß hinaus. Das Martyrium von Frau P. ereignete sich – wie eine auffällig hohe Zahl von Gewalttaten gegen Frauen – in den von Kurden dominierten Gebieten Südostanatoliens, und hier in der für solche Fälle besonders berüchtigten Provinz Van. Die Veröffentlichung eines Fotos des von Messerstichen und Schlägen entstellten Gesichts des Opfers war und bleibt umstritten, doch sicherte die schockierende Wirkung des Bildes dem Fall eine Aufmerksamkeit, die er sonst wohl nicht errungen hätte. Frau P. war im Alter von 18 Jahren, also für örtliche Verhältnisse nicht einmal besonders früh, an ihren gewalttätigen Mann verheiratet worden. Der begann offenbar schon bald nach der Eheschließung, sie zu malträtieren. Im Spätsommer 2009 tötete er sie dann fast, als er mit einem Messer auf ihr Gesicht einstach und einen Teil ihres Ohres abschnitt. Das Opfer wurde in ein Krankenhaus eingeliefert, doch erst danach begann der ungewöhnliche Abschnitt der Geschichte. Die Gerichte in der Provinz Van belegten den Peiniger mit einer Kontaktsperre von sechs Monaten. Nach anderen Aussagen wurde er zu einer Haftstrafe von 15 Monaten verurteilt, die er jedoch nicht antreten musste. Sein Opfer, eine Mutter von drei Kindern, wurde nach ihrer notdürftigen Genesung in ein Frauenhaus gebracht. Dort bat sie – so die erste Version des Tathergangs – jedoch nach zwei Monaten darum, wieder nach Hause zurückkehren zu dürfen, damit sie sich um ihre Kinder kümmern könne. Warum die Kinder nicht gemeinsam mit dem Opfer in das Frauenhaus gebracht wurden, wird in dieser Version nicht deutlich. Fest steht, dass die Frau in ihre Privathölle zurückkehrte und wenige Monate später wieder Opfer eines barbarischen Übergriffs wurde. Nachbarn fanden die zur Bewusstlosigkeit geprügelte Frau. Der Ehemann Faruk P. ist seither auf der Flucht, während sein Opfer wieder im Krankenhaus ist. “Besonders erschütternd und verstörend an diesem Fall ist, dass den Behörden das Schicksal der jungen Frau bekannt war”, so die Kolumnistin einer Istanbuler Tageszeitung. Doch selbst unter staatlichem Schutz sei sie dazu gedrängt worden, sich mit ihrem Ehemann “zu versöhnen”. Mitarbeiterinnen von Frauenorganisationen widersprechen der Version, dass sich das Opfer aus freien Stücken zurück in Lebensgefahr begeben habe. Sie schildern eine Szene vor Gericht, bei der der Ehemann von S., “vor dem sie Angst hatte, nur wenige Meter von ihr entfernt stand. Ohne Kenntnis des Türkischen, hatte die junge Kurdin ein begrenztes Verständnis davon, was vor sich ging. Sie war zu eingeschüchtert, um zu protestieren (und hätte es aus Mangel an einer anderen Möglichkeit vielleicht sogar ohnehin akzeptiert), als das Gericht im Dezember 2009 unter Applaus entschied, dass sie in das Haus ihres Ehemanns zurückkehren solle.” Seither hat die Diskussion über die Mittäterschaft lokaler Behörden bei der Unterdrückung von Frauen in der Türkei an Schärfe zugenommen. Einig sind sich die meisten, dass der Fall P. einer von vielen ist – und einer von wenigen, die bekannt wurden.

F.A.Z., 29.07.2010, Nr. 173 / Seite 8 / Von Michael Martens





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