Bagok – Schauplatz der jüngsten Massenverfolgung von Yeziden und aramäischen Christen

http://www.yezidi.org/typo3temp/pics/152a75aa7f.jpg
Aramäische Kirche der syrisch-orthodoxen Christen im Tur Abdin (Türkei) – Foto: Gisela Prieß

Das Wort „Bagok“ stammt aus dem Kurdischen und besteht aus zwei Silben: „Ba“, der Wind und „gok“ rund, wie der Ball, und bedeutet etwa „der kreisende Wind“.

Der Bagok(-Gipfel) im Bagok-Massiv ist zugleich der höchste Gipfel der Tauros-Gebirgskette im Nordwesten Kurdistans, die die Grenze zu Syrien bildet.

Eine andere Namensgebung des Gebietes deutet darauf hin, daß zahlreiche christliche Gemeinden hier lebten.

Tor Abidin heißt dieses Gebiet auf aramäisch und bedeutet etwa Berg der frommen Gottesanbeter, gemeint sind damit die vielen Mönche, die in Klöstern und Großkirchen lebten.

Man kann heute noch die Ruinen der blühenden Geschichte sehen. Es ist eindeutig belegt, daß vor der Zwangsislamisierung hier ausschließlich yezidische Kurden und Aramäer in guter und weitgehend friedlicher Nachbarschaft gelebt haben. Die Zahl der heute dort lebenden Aramäer und Yeziden-Kurden ist kleiner als 200 Bewohner.

Zu Beginn des 20. Jh. konnten die Osmanen und später die Türken fanatisierte moslemische Massen nicht nur gegen die christlichen Aramäer mobilisieren, sondern auch gegen die kleine religiöse Minderheit der Yeziden-Kurden.

Dadurch sind Feindseligkeiten und Klüfte zwischen den verschiedenen Volksgruppen entstanden, deren Spuren bis heute nicht aus den Köpfen der betroffenen Menschen vertrieben werden können.

Diese Taktik, verschiedene religiöse und ethnische Minderheiten gegenein-ander auszuspielen, beherr-schen die regionalen Mächte heute noch bestens – treu dem alten römischen Motto: „Divide et impera“ „Teile und herrsche“.

Im Jahre 1924/25 kam es zu erbitterten Kämpfen zwischen dem nach Freiheit strebenden kurdischen Stamm der Havêrkan und den osmanischen Truppen, die von der vor-republikanischen Regierung den Auftrag bekommen hatten, den Aufstand blutig zu beenden.

Der Stamm der Havêrkan, dem Yeziden, christliche Aramäer und moslemische Kurden angehörten, leistete heldenhaften Widerstand gegen die Regierungstruppen und konnten zunächst einen Sieg erreichen und die restlichen Soldaten in die Flucht treiben. Hier beschränke ich mich auf die Erwähnung einiger Persönlichkeiten, die zur Zerschlagung der Regierungstruppen einen wesentlichen Beitrag geleistet haben:

• Hajoyê Zaxuranî, als moslemischer Stammesführer und seine Söhne.

• Angehörige der Sarûxan-Familie, die ebenso Moslems waren.

• Schemoun Hanna Haido, ein christlicher Stammesführer der Jakoubiden. Diesem Kämpfer wird die Zerschlagung der Truppen zugeschrieben. Zeitzeugen haben dies mir gegenüber mehrfach betont. Der Hergang der Kämpfe wurde in einigen traditionellen kurdischen Liedern festgehalten.

• Alîkê Betê, ein Neffe von Hajo.

• Der yezidische Stamm der Bajolan, der von Omer Cengîr, Omar Xalid, Gernûs Meqso und vom Vater der späteren Brüder Hisîk und Bonjê geführt wurde.

• Der yezidische Stamm der Afsî, hier erwähne ich meinen Großvater Semo Issa, der als Mediziner und Scharfschütze an den Kämpfen beteiligt war.

• Der Stamm der Dasikan und dessen Führer Semdîn Çolî.

Nur durch den unaufhaltsamen Nachschub und Truppenverstärkungen war die osmanische Armee in der Lage, den Widerstand der Kurden zu brechen und die Rebellion zu beenden. Tausende verließen das Gebiet in Richtung Syrien, das unter der Besatzungsmacht der Franzosen stand. Die Franzosen nahmen die Flüchtlinge auf und gewährten ihnen Bleiberecht.

Wehrlose Greise, Frauen und Kinder, die zurückgeblieben waren, wurden von Angehörigen der Armee regelrecht abgeschlachtet.

Obwohl die Kurden, Yeziden und Moslems gleichermaßen zum Schutz der christlichen Minderheiten der Aramäer und Armenier beitrugen – erwähnt sei der legendäre yezidische Würdenträger Hamoyê Sero (Hameye Schero), der mindestens 15.000 Armenier, die auf der Flucht vor den osmanischen Truppen waren, aufnahm und damit vor dem sicheren Tod rettete hören wir Stimmen, die versuchen, einen Keil zwischen die verschiedenen Volksgruppen zu treiben. Dazu gehört z.B. ein mir namentlich bekannter armenischer Verfasser eines Zeitungsartikels, der 1993 über dieses Zeitgeschehen in der Süddeutschen Zeitung geschrieben hatte. Damals nahm ich in einem Leserbrief Stellung zu den Tatsachenverdrehungen und haltlosen Schlußfolgerungen und erhielt nach dem Erscheinen des Artikels zahlreiche Briefe der Zustimmung von deutschen und anderen Lesern:

Als Yeziden-Kurde vermeide ich grundsätzlich jede Art von Konfrontation, Feindseligkeit und Intoleranz und trete für die Verständigung und friedliche Annäherung ein. Meine Religion basiert auf „guten Taten, guten Worten, guten Gedanken“.

Trotzdem wehre ich mich gegen Geschichtsverdrehungen, die einem politischen Ziel dienen. Der Verfasser hat die Yeziden als eigenständiges, nicht-kurdisches Volk dargestellt. Aber als Angehöriger und Kenner dieser Religionsgemeinschaft versichere ich, daß wir ein unzertrennbarer Teil des kurdischen Volkes sind. Das Yezidentum ist eine Religion und keine Volkszugehörigkeit. Kein Historiker zweifelt heute daran, daß die überwiegende Mehrheit der Kurden vor ihrer Zwangsislamisierung im 6./7. bzw. 16. Jh. der yezidischen Religion angehörte. Die Kult- und Umgangssprache der Yeziden ist das Kurdische, und ihre Kultur ist ein wichtiger Teil der gesamten kurdischen Kultur. Das kurdische Volk und die kurdischen Parteien sind sich dieser Tatsache bewußt und wissen es zu schätzen. Deshalb brauchen die Yeziden keine Fürsprecher, die von einer angeblichen Unterdrückung durch moslemische Kurden reden. Die Behauptung des Verfassers, die Kurden hätten gemeinsam mit den Türken die Armenier und die anderen religiösen Minderheiten verfolgt, entbehrt jeder Grundlage. Es gab zwar kurdische Söldner in der osmanischen und später in der türkischen Armee, die im Auftrag der Militärführung und ihrer Handlanger (Großgrundbesitzer) an entsprechenden Aktionen beteiligt waren; diese gingen aber nicht nur gegen Armenier und andere Nichtmoslems vor, sondern auch gegen das eigene Volk.

Es gibt heute noch solche Söldner, die den Großgrundbesitzern gehorsam sind. Davon kann sich jeder vor Ort in Kurdistan überzeugen.

Aber man darf auch nicht vergessen, daß die Kurden Hunderttausende von Armeniern und Aramäern bei sich aufnahmen, bis deren Verfolgung aufhörte. Allein mein Großvater, der unter dem Namen Mcky der „Mediziner“, berühmt wurde, hatte mehr als dreißig Familien christlicher Abstammung für längere Zeit bei sich aufgenommen und sie mit Lebensmitteln versorgt. In Tor Abidin (Bagok) ging er tagsüber auf die Jagd und schlich sich nachts in die Vorratskammern der Aghas, um Getreide für Brot zu besorgen.

Der Verfasser sollte statt harter Worte den Weg der Verständigung und des Miteinanderredens einschlagen. Denn niemand kann dem gesamten kurdischen Volk eine Mittäterschaft anlasten. Wir betrachten die Armenier, Assyrer und Aramäer auch weiterhin als unsere Brüder. Kurdistan gehört allen dort lebenden Völkern und Religionen.

Chaukeddin Issa

Der Artikel erschien erstmalig in der Print-Ausgabe der Dengê Êzîdiyan, Nr. 6+7 in 1997

Quelle: Dengê Êzîdiyan





kostenloser Counter
Poker Blog