Kurdische Frauen kämpfen gegen die „Vergewaltigungskultur“

In einem der bekannteren Fälle, einer Serie von andauernden Vergewaltigungsskandalen, im kurdische dominierten Südosten der Türkei, wurden in Siirt mindestens vier Mädchen, im Alter zwischen 12 und 14 über einen Zeitraum von zwei Jahren, sexuell Missbraucht von Staatsbeamten, einschließlich dem stellvertretenden Direktor und einem Mitarbeiter der Polizei. Siirt ist eine Stadt, die gezeichnet ist von den Kämpfen zwischen kurdischen Aufständischen und der türkischen Armee. Andere Schüler und Ladenbesitzer sind ebenfalls in den Skandal verwickelt.

Die Anwältin Meral Danış-Beştaş, die in die Verfolgung des Falls involviert ist, argumentiert, dass Vergewaltigung im politischen Konflikt verwurzelt ist: „ Das Ereignis ist verbunden mit der kurdischen Frage, häuslicher Gewalt und der soziopolitischen Situation in der Region.“ Die Anwältin ist eine wichtige Figur in der linken, prokurdischen Friedens- und Demokratie Partei (BDP), sagt IPS in einem Interview mit ihr in Diyarbakır, der inoffiziellen Hauptstadt Türkischkurdistans und Zentrum politischer Aktivität.

Kurdinnen und Kurden aus der Region, sehen dies als ein neues Beispiel des Angriffs des türkischen Staats auf die kurdische Gesellschaft. „Es ist unmöglich, dass die Polizei und die öffentlichen Autoritäten nicht davon wussten… Der Provinzgouverneur von Siirt, der Polizeichef, und die lokalen Direktoren des Erziehungsministerium sind die Verantwortlichen“, sagt Danış-Beştaş.

Die türkische Regierung benutzt häufig Gewalt, Drohungen und andere Formen der Repression gegen weibliche kurdische Aktivistinnen. Im Juli letzten Jahres wurde ein Mitglied der Demokratischen freien Frauenbewegung (DÖKH), einem Zusammenschluss vor Allem kurdischer Frauenorganisationen, von Zivilpolizisten in ihrer Wohnung vergewaltigt. Sie sagten nach der Vergewaltigung: „Geh und erzähl das deinen Freundinnen, dass wir das mit allen von Euch tun werden.“

Das Opfer stellte später Anzeige gegen die öffentlichen Autoritäten und erklärte, dass es die Täter identifizieren können. „Wir fragten nach den Bildern der Polizisten, die an diesem Tag im Dienst waren und Durchsuchungsbefehle hatten… Sie zeigten etwa 5000 Bilder und natürlich war das Opfer nicht in der Lage die Täter zu identifizieren.“ Erzählte Danış-Beştaş. Auch ein Jahr später dauert die Untersuchung noch an.
Neben der Vorbereitung und Durchführung solcher Kampagnen spielt die DÖKH auch eine Rolle in der institutionalisierten Politik, vor allem durch die Linke, prokurdische BDP. Es gibt keine formelle Beziehung zwischen den beiden Organisationen, obwohl ihre Forderungen und Mitglieder sich häufig überschneiden.

Unter dem Druck der DÖKH und anderer Frauenrechtlerinnen in der Partei, haben die BDP und ihre Vorgängerorganisationen Gender-Quoten für Frauen angewandt. Dies half kurdische Frauen in Führungspositionen, sowohl in der parlamentarischen Politik als in der Partei zu bringen. Dies ist eine Tatsache von großer psychologischer Bedeutung für die Frauen der Region. Von allen politischen Parteien in der Türkei, hat die BDP den größten Anteil von weiblichen Abgeordneten und BürgermeisterInnen.

„Für feudale Plätze wir Şırnak ist es revolutionär, weibliche Abgeordnete im Parlament, Bürgermeisterinnen und Parteiverantwortliche zu haben,“ erklärt Zilan Botan aus der DÖKH Führung in Şırnak gegenüber IPS, „aber dennoch, weder Staat noch Gesellschaft haben diese Revolution akzeptiert.“

Die DÖKH hat nun eine Kampagne unter dem Motto begonnen, „Lasst uns eine freie demokratische Gesellschaft schaffen und die Vergewaltigungskultur überwinden.“

„Das Ziel der Kampagne ist es, Kampf gegen die gesellschaftlichen Probleme, die auf allen Ebenen erfahren werden, zu verbreitern und eine demokratische Gesellschaft zu errichten,“ erklärt die DÖKH Aktivistin Azize Yağız gegenüber IPS.

Nach UN Statistiken sind 42% der Frauen in der Türkei Gewalt ihrer Partner ausgesetzt. In einer im Jahr 2000 publizierten Studie, erklärten 2% der Frauen in den südöstlichen Provinzen, dass sie sexualisierte Gewalt von Sicherheitskräften erfahren hat. Das ist wahrscheinlich eine sehr konservative Rechnung, wenn man die kulturellen Tabus in diesem Zusammenhang mit einbezieht.

„Wir sind gezwungen an zwei Fronten zu kämpfen – gegen männliche Dominanz und das politische System“, sagt Botan, die eine der ersten Frauen im Stadtrat von Şırnak war. „Kulturelle Normen sind hier in der Region sehr streng und die Tyrannei und Unterdrückung des Staates sind offensichtlich.“ Gegen Botan stehen im Moment 40 Verfahren aus.

Die DÖKH-Aktivistin Azize Yağız, 23, war dreimal jeweils drei Monate wegen ihrer politischen Aktivitäten inhaftiert. Das erste Mal als sie 17 Jahre alt war, und auch gegen sie stehen noch 20 Verfahren wegen ihrer Arbeit aus.

Yağız schätzt, dass etwa 300 DÖKH-Mitglieder im letzten Jahr inhaftiert worden sind, unter ihnen die talentiertesten und erfahrensten Führerinnen ihrer Organisation, und das etwa die Hälfte aller Aktivistinnen der Organisation mindestens einmal inhaftiert war.

DÖKH-Aktivistinnen machen kein Geheimnis aus ihrer Bezugnahme auf den inhaftierten Führer des sozialistischen Aufstands Abdullah Öcalan, „DÖKH ist eine Struktur, die aus der kurdischen Freiheitsbewegung entstanden ist, sie ist sowohl eine sozialistische, als auch eine demokratische Bewegung.“ Sagt Yağız gegenüber IPS. „Wir sehen Abdullah Öcalan, den Repräsentanten des kurdischen Volkes, als großen Einfluss. Er hat den Frauen geholfen, ihre eigene Geschichte und ihren Selbstrespekt sich anzueignen.“

ISKU





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