Karawane-Festival in Jena 4. bis 6. Juni 2010

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„Wir sind hier, weil ihr unsere Länder zerstört“ ist eine Parole aus den vergangenen Jahrzehnten migrantischer Selbstorganisation, die zugleich auch als inhaltliche Klammer für das Karawane-Festival dient. Das Festival findet unter dem Titel „Vereint gegen koloniales Unrecht“ dieses Wochenende in Jena statt. Mit einem vielfältigen Programm, bei dem sich künstlerische und aktivistische Interventionen, inhaltliche Debatten und kulturelles Rahmenprogramm (Kino, Konzerte und Ausstellungen) verschränken, wird dabei versucht, das Thema in der Stadt sichtbar zu machen.

Beeindruckend bei vielen Veranstaltungen ist die mehrsprachige Übersetzung von Redebeiträgen (mit Schwerpunkt deutsch, französisch, englisch), welche sich als grundlegend für ein solidarisches Miteinander von verschiedensprachigen Aktivist_innen erweist. Im Gegensatz zu anderen Situationen – auch in linken Kontexten – konnte am Festival so (aber auch durch das experimentieren mit Sprechformen) einer Dominanz weißer Politikformen entgegengewirkt werden. Schade ist dabei aber gleichzeitig, dass dominante Formen der Repräsentation unter dem Gesichtspunkt der Geschlechterverhältnisse zu wenig aufgebrochen wurden bzw. dadurch viele Aspekte von Flucht & Migration sowie rassistischer Diskriminierung und Gegenstrategien zu wenig sichtbar blieben. Let’s queer Antirassismus!

Das Festivalprogramm ist in fünf Themenblöcke gegliedert: »Die Toten der Festung Europas ehren«, »Wir sind hier, weil Ihr unsere Länder zerstört«, »Stoppt rassistische Polizeigewalt«, »Abschiebungen stoppen« und »Vereint gegen soziale Ausgrenzung«.

Kurz zu einzelnen Programmpunkten bisher: Zum Auftakt wurde Freitag Vormittag in der Innenstadt von Jena eine Installation des Künstlers Hermann Josef Hack aufgebaut. Die Installation besteht aus 1000 Miniaturzelten, die symbolisch ein Flüchtlingslager darstellen und durch auf den Zelten angebrachte Parolen einen Zusammenhang zwischen Migration und Klimawandel herstellen sollen. Gerahmt wurde die Ausstellung durch die Präsenz antirassistischer Aktivist_innen. Wie sich vor Ort zeigte, eine Intervention im öffentlichen Raum, die sich gut dazu eignet, den Zusammenhang zwischen Flucht und Migrationen aus dem globalen Süden auf Grund sich ändernder klimatischer Bedingungen und den Verursacher_innen des selbigen in den industrialisierten Ländern aufzuzeigen. Diese Argumentation hat das Potential, ein vereinfachtes Verständnis rund um das Thema Migration (auf rassistische Bilder einerseits und einen daran anschließenden Sicherheitsdiskurs andererseits) zu durchbrechen.

Freitag Nachmittag kam es anschließend zu einem ersten Höhepunkt am Festival. Die Demo „In Gedenken an die Toten der Festung Europa“, an der sich etwa 400 Menschen beteiligten, wurde in Form eines Gedenkzuges abgehalten: Die Spitze des Demonstrationszuges bildete ein symbolischer Sarg, weiters wurden Papierbänder mit den Namen unzähliger Personen, die an den EU-Außengrenzen ermordet wurden, getragen. Die Demo, untermalt von einem Klangteppich, formierte sich zu einem Trauermarsch, um den Ermordeten ihre Würde wiederzugeben. Bei einer Zwischenstation am Theaterplatz wurde ein Mahnmal im Gedenken an die 12.000 Toten der Festung Europa eröffnet. Das Denkmal, dass aus mit Beton übergossenen Koffern besteht, soll dazu anregen, ähnliche Denkmalinitiativen in ganz Europa zu starten, um die Toten an den EU-Außengrenzen symbolisch sichtbar zu machen.

Am Abend fanden schließlich zwei Diskussionsveranstaltungen statt. Die erste, von „The VOICE Refugee Forum“ getragene Veranstaltung hatte das Ziel, über lokale Kämpfe in Flüchtlingslagern in Thüringen zu informieren. Bei der Veranstaltung waren Aktivist_innen unter anderem aus der Türkei, Palästina, Syrien und dem Irak anwesend, die von ihrem Aufenthaltsstatus in Deutschland und ihren von „The VOICE“ unterstützten Kämpfen in den einzelnen Lagern berichteten. Bei der Veranstaltung wurde sichtbar, wie wichtig die hartnäckige Unterstützungsarbeit von „Außen“ gerade auch für die Bewohner_innen von teilweise sehr isoliert gelegenen Lagern ist. Am Beispiel des Lagers „Katzhütte“, gegen das eine von „The VOICE“ zusammen mit Bewohner_innen des Lagers geführte Kampagne gestartet wurde, wurde aber auch die Ambivalenz von erfolgreicher Kampagnenarbeit in dem Bereich deutlich. Wie diese Woche bekannt wurde, wird „Katzhütte“, die in der Kampagne gefordert wurde, nun endlich geschlossen. Für zahlreiche Flüchtlinge bedeutet dies eine Verbesserung ihrer Lebensumstände, während einige sich nun mit noch beschisseneren Lebensumständen konfrontiert sehen.

In einer Podiumsdiskussion am selben Abend unter dem Titel „Die anhaltende koloniale Ungerechtigkeit – Klimaungerechtigkeit, Flucht & Migration“ berichtete Alassane Dicko (Assoziation der Abgeschobenen Malis) von den Auswirkungen des Klimawandels in Mali und den damit verbundenen Migrationspolitiken. Er berichtete davon, wie die EU versucht, Druck auf die dortige Regierung aufzubauen, um die Migration im Interesse der EU zu managen. Angekündigt wurde unter anderem der Plan, nächstes Jahr eine Karawane zu organisieren, die ausgehend von Dakar (Senegal, Ort des nächsten World Social Forum) nach Bamako (Mali) reisen wird. Dabei arbeiten lokale Aktivist_innen und Unterstützer_innen aus dem globalen Norden zusammen, es sollen Fluchtgründe aufgezeigt und Bewegungsfreiheit praktiziert werden.

Samstag mittag startete eine weitere Demo in Form einer Maskenparade durch die Innenstadt. Die Form der Maske ist an Formen des Totengedenkens in Teilen Afrikas angelehnt. 2 afrikanische Holzmasken, die eigens für das Festival hergestellt wurden, bildeten den Höhepunkt der Feierlichkeit, auch viele Demoteilnehmer_innen trugen Stoffmasken. Durch die kämpferische Stimmung zog die Parade viel Aufmerksamkeit und Interesse auf sich. Das Konzept der Anerkennung und des Respekts für die Toten der Festung Europa schätzen auch viele Demonstrationsteilnehmer_innen als geglückt ein.

In Summe könnte der Versuch, das Grenzcamp als Ort vielfältiger Aktionsformen zu begreifen als gelungen angesehen werden. Des Festival war bisher von einer kämpferischen und zugleich zugänglichen Atmosphäre geprägt, die nicht nur für die zusammengekommenen Aktivist_innen – und das generationenübergreifend – durchwegs fein war, sondern auch im Kontext einer Kleinstadt wie Jena gut funktioniert hat. Das Karawanefestival in Jena war ein weiterer Schritt in Richtung der Verankerung der Parole „Wir sind hier und wir bleiben“ als Grundlage emanzipatorischer Politik. Wir treffen uns nicht nur nächstes Jahr in Jena, sondern auch bei Grenzcamps im Sommer 2010, dem ESF in Istanbul und der Karawane in Westafrika im Sommer 2011.

Links zum Festival:

http://karawane-festival.org

http://thevoiceforum.org

http://thecaravan.org

Weiterer Artikel zum Thema:

http://no-racism.net/article/3396

Bilder :

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Zusammen

Quelle : indymedia





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