Türkei protestiert gegen Obama-Rede / Armenischer Genozid

Die Türkei hat den amerikanischen Präsidenten kritisiert, weil er den Genozid an den Armeniern im Osmanischen Reich im Jahr 1915 verurteilt hat. Obama hatte das Wort Genozid jedoch vermieden.

Auch in Istanbul: Hunderttausende gedachten in aller Welt des Massenmords an Armeniern im Osmanischen Reich – 25. April 2010

Wie im vergangenen Jahr hat die Türkei den amerikanischen Präsidenten dafür kritisiert, dass er – ebenfalls wie im vergangenen Jahr – den Genozid an den Armeniern im Osmanischen Reich im Jahr 1915 verurteilt hat. Der türkische Außenminister Ahmet Davutoglu sagte in einer am Sonntag verbreiteten Erklärung, Obamas Äußerungen vom 24. April seien „nicht akzeptabel und Ausweis einer falschen sowie einseitigen Sichtweise. Die Türkei sei dagegen, die Geschichte „nach politischen Motiven“ zu beurteilen. Sie müsse vielmehr von Historikern aufgearbeitet werden. Präsidenten und Parlamente hingegen sollten sich einer Beurteilung der Geschichte enthalten, äußerte Davutoglu sinngemäß. Die Türken hätten ihrerseits Anspruch auf Anerkennung ihrer Leiden, sagte Davutoglu unter Hinweis auf Zehntausende von Türken, die bei den Auseinandersetzungen im Osmanischen Reich von Armeniern getötet wurden.

Der 24. April 1915 gilt als Beginn der gegen die Armenier gerichteten Gewaltpolitik des Osmanischen Reiches, als deren Folge Hunderttausende den Tod fanden. An diesem Tag geben amerikanische Präsidenten seit Jahrzehnten eine Erklärung ab, in der sie den Genozid verurteilen. Bis auf Ronald Reagan hatten es amerikanische Präsidenten in der Vergangenheit allerdings mit Rücksicht auf die Bedeutung der Türkei als Nato-Partner sorgsam vermieden, in ihren Äußerungen wörtlich von einem Völkermord zu sprechen und stattdessen umschreibende Formulierungen benutzt.

1000 Polizisten bei inoffizieller Gedenkfeier in Istanbul

Auch Barack Obama hielt sich an diese Regel. In seinem Wahlkampf hatte er noch gesagt, Amerika habe einen Präsidenten verdient, der die Ereignisse als Genozid beim Namen nenne, und er wolle dieser Präsident sein. Bei seiner Rede vor dem türkischen Parlament Anfang April vergangenen Jahres hatte Obama das Wort vom Genozid vermieden, in seinen Gesprächen aber darauf bestanden, dass er seine Ansicht nicht geändert habe. In diesem Jahr sprach Obama ähnlich wie im vergangenen von „einer der schlimmsten Greueltaten“ des 20. Jahrhunderts. Es sei im allgemeinen Interesse, die Tatsachen anzuerkennen und die Erinnerung an die Untaten lebendig zu halten, damit sich die Fehler der Vergangenheit nicht wiederholten. „Der unbeugsame Geist des armenischen Volkes ist ein andauernder Triumph über jene, die sie vernichten wollten. Viele Armenier kamen als Überlebende der Greuel von 1915 in die Vereinigten Staaten“, sagte Obama weiter.

Doch auch in der Türkei ist die Leugnung des Genozids nicht mehr absolut. So fand im Gedenken an den Beginn des Massensterbens, den eine Mehrzahl der internationalen Historiker als Völkermord ansieht, am Samstag in Istanbul eine Veranstaltung statt, die allerdings selbstverständlich nicht auf eine offizielle Initiative zurückging. Sie wurde auch nur von etwa 200 Personen besucht, es gab aber keine befürchteten gewaltsamen Zwischenfälle – was wiederum nicht zuletzt daran lag, dass der Staat nahezu 1000 Polizisten aufgeboten hatte, um die Veranstaltung zu bewachen.

Von Michael Martens





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